Heinrich Barths Denken steht zwischen den etablierten philosophischen Schulen und Diskursen. Es lässt sich keiner Richtung zuordnen, ohne dass seine Aussage entscheidend verkürzt würde. Auf diese Zwischenstellung ist wohl die ausbleibende Rezeption zurückzuführen.
Lange sah das um die Verbreitung seines Denkens bemühte Umfeld in dieser Abseitsposition vor allem ein Hindernis. Inzwischen dürfte die Zeit gekommen sein, sie anders zu lesen. Barths Erscheinungsbegriff kann in mindestens viererlei Hinsicht zum Anknüpfungspunkt werden — und ist es faktisch geworden.
- Erscheinung und Phänomenologie
- Die Assoziation liegt nahe: Ist „Erscheinung“ nicht das Thema der Phänomenologie? Es zeigt sich jedoch, dass diese ihrem eigenen Ansatz nach anders verfährt — gerade darin liegt die Produktivität des Vergleichs.
- Neukantianismusforschung
- Mit Harald Schwaetzer und jüngst Kirstin Zeyer sind Forscherpersönlichkeiten hervorgetreten, die nicht mit fest fixierten Begriffen an Barths Texte herangehen, sondern offen sind für den dort ausgebreiteten Denkzusammenhang, aus dem die Grundbegriffe erst ihre Bedeutung empfangen.
- Existenzdenken des 20. Jahrhunderts
- Die Bezüge zu Jaspers, Heidegger, Arendt und Tillich sind in den vergangenen Jahren systematisch aufgearbeitet worden, ebenso die Vorläufer im Idealismus und Spätidealismus des 19. Jahrhunderts.
- Das Erkenntnisproblem
- Von verschiedener Seite zeichnet sich ab, dass „Erkenntnis“ der Anknüpfungspunkt schlechthin für eine fruchtbare Beschäftigung mit Barth werden könnte. Dazu trägt die im Nachlass aufgefundene Vorlesung Das Erkenntnisproblem nicht unwesentlich bei, in der Barth sich in ungewöhnlicher Radikalität auf dieses Problem aller Probleme einlässt.